Am Leben vorbei
Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass unser Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Regierungsmannschaft den genauen Blick auf das Leben ihrer Bürger verloren haben, spätestens jetzt wäre er gegeben. Da stecken die Damen und Herren, die von sich behaupten, dass sie fähig sind unser Land zu führen, intensiv die Köpfe zusammen und am Ende kommt so eine gequirlte Kackscheiße wie die Krankmeldung vom ersten Tag dabei heraus. Wie weltfremd kann man eigentlich sein?
Es ist daher kein Wunder, dass der Sturm der Entrüstung nicht lange auf sich warten ließ. Und er kam von allen Seiten. Vor allem die Ärzte fragen sich, wie sie den Ansturm von kranken Arbeitsnehmern in ihren ohnehin überfüllten Praxen noch bewältigen sollen. Vor allem auch deshalb, weil ja gleichzeitig die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden soll.
Eiserner Vorsatz im Umgang mit Krankheiten war in unserem Land einmal: Wer krank ist, bleibt zu Hause im Bett. Die neue Vorgabe führt nun dazu, dass Menschen mit einer Erkältung oder gar einer Grippe keineswegs einfach im Bett bleiben und sich auskurieren, sondern dass sie sich in die Wartezimmer der Arztpraxen schleppen und ihre Viren und Bakterien schön in ihrer Nachbarschaft verteilen. Immerhin bekommen diese Patienten dann dafür gleich den Fünf-Tage-Schein. Denn wie sagt der Arzt dann gerne?
»Gönnen Sie sich ein paar Tage Ruhe und kurieren Sie sich richtig aus.«
Nichts ist es also mehr mit drei Tage ins Bett packen und am vierten Tag wird es dann schon irgendwie wieder gehen.


Gar nicht erst anfangen möchte ich übrigens mit all den Leuten, denen man sowieso schon fast den Kopf abschlagen muss, damit sie mal einen Tag zu Hause bleiben. All die Menschen, denen man zubrüllen möchte: Bleib doch mit deinen Scheißviren einfach mal zu Hause und steck hier nicht die halbe Belegschaft an. Werden diese Leute in Zukunft zu Hause bleiben und statt zur Arbeit dann eben in die Arztpraxis gehen? Wohl eher im Gegenteil. Wer sich sowieso schon immer zur Arbeit schleppt, wird im Brustton der vollen Überzeugung sagen: »Wenn ich es bis zum Arzt schaffe, kann ich ja wohl auch arbeiten gehen.«
Natürlich kann man. Und dann schön alle Kolleginnen und Kollegen anstecken und sich später darüber beschweren, weil die Arbeit der angesteckten und erkrankten Kolleginnen und Kollegen gleich noch mit erledigt werden muss.
Die Intention unserer Bundesregierung ist klar. Nach ihrer Lesart krankt die deutsche Wirtschaft vor allem am Krankenstand der Arbeitnehmer. Erst wenn die Belegschaft in voller Stärke angetreten ist, kann das überbezahlte Management in trügerischer Ruhe weiter kräftig Fehlentscheidungen treffen. Schuld sind ja am Ende sowieso immer die anderen und wenn die es mal nicht sind, sind es eben die Umstände. Irgendetwas ist ja immer und da lässt sich unsere Regierung natürlich nicht lumpen und operiert zum wiederholten Male am eigentlichen Problem vorbei.
Statt die Gründe und Ursachen des Krankenstandes zu beheben und endlich etwas gegen ständige Überlastung, schlechte Bezahlung und Fachkräftemangel zu tun, stellt man gegenüber den ohnehin Geforderten noch zusätzliche Forderungen auf. Wertschätzung, liebe Bundesregierung, sieht anders aus. Im Gegenteil: Mal wieder wird nur allzu deutlich, was immer wieder bestritten wird. Die inzwischen nämlich offensichtliche Meinung unserer Regierungsmannschaft, dass wir alle zu wenig leisten.
»Tut uns leid, liebe Pflegekräfte, liebe Pädagogen und Pädagoginnen, liebe Ärzte und Ärztinnen, liebe Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihr zwei Jobs stemmt, weil einer zum Leben nicht mehr reicht. Wir sehen, dass ihr euch bemüht, aber es reicht eben noch nicht. Wenn die Reichen unseres Landes nicht ganz schnell noch reicher werden, wandern eure Arbeitsplätze ins Ausland ab. Liebe Grüße, eure Bunderegierung.«
Ja, und natürlich rudern Herr Merz und Herr Klingbeil nun auch nur einen Tag später schon wieder eilig zurück. Das sei ja alles gar nicht so gemeint gewesen und man müsse nun eben praktikable Lösungen für die Umsetzung suchen. Sie merken sehr schnell, dass sie gegen den aufkommenden Gegenwind nicht ankommen. Ein zahnloser Tiger hat eben nicht die Kraft, die dieses Land eigentlich bräuchte. Friedrich Merz ist der Julian Nagelsmann der Politik. Weil er selbst nichts kann, sucht er händeringend Leute für Elfmeterschießen. Wer wagt den nächsten Schuss?

Dumm nur, wenn die Versuchsballons der Politik ihr Ziel ähnlich weit verfehlen, wie der Elfmeter von Jonathan Tah das Tor von Paraguay im Sechzehntelfinale der WM. Die Konsequenzen beim DFB kennen wir inzwischen. Es hat zwar ein paar Tage gedauert, doch am Ende hat Bundestrainer Julian Nagelsmann eingesehen, dass er nur als Ex-Bundestrainer dem großen Ziel noch helfen kann. Herr Merz, wann denken Sie endlich mal darüber nach, wie Sie unserem schönen Land noch helfen können?
Foto Friedrich Merz: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=164836206



