Buchtipps
Unregelmäßig und ganz bestimmt nicht immer das Neueste vom Neuen. Dafür aber garantiert gute Bücher. Absolute Lese- und Buchtipps also. Und diese Seite ist das Archiv. Alle Buchtipps, die ich bisher so vom Stapel gelassen habe.
Christoph Peters – Der Sandkasten
Ein tiefen Einblick in die Berliner Politik erhält man im Roman »Der Sandkasten« von Christoph Peters. Protagonist ist der alternde Radio-Moderator Siebenstädter, der sie in seiner Polit-Sendung alle schon gehabt hat. Wer im politischen Zentrum unserer Republik die Fäden ziehen will, muss sich den Fragen Siebenstädters ergeben. Das war schon immer so. Unklar ist nur, ob dies auch in Zukunft so sein wird. Denn die Sendung ist auf dem absteigenden Ast. Die Hörer bleiben aus und Kritiker werfen Siebenstädter vor, mehr und mehr zum zahnlosen Tiger zu werden.
Also rafft der Radiomann sich noch einmal zusammen, probiert aus, ob er das mit dem Strippen ziehen noch beherrscht. Dabei schießt er dann auch gerne mal über das Ziel hinaus und kriegt am Ende ein Angebot gemacht, das er im Grunde nicht ausschlagen kann – das jedoch gleichzeitig bedeutet, das aufzugeben, was er stets am meisten geliebt hat: In alle politischen Richtungen auszuteilen.
Peters hat einen bitterbösen Roman geschrieben, in dem so ziemlich alle ihr Fett wegkriegen, die in der Bundesrepublik an den langen Hebeln sitzen. Das Schöne daran: Obwohl Peters nie reale Namen verwendet, ist man doch stets im Bilde, über wen er gerade schreibt. »Der Sandkasten« ist eine Satire, die mitunter dazu einlädt, laut zu lachen und gleichzeitig am besten mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht gelesen wird. Denn Peters übertreibt zwar, doch immer wieder kommt auch die entscheidende Frage auf: Wie viel Wahrheit steckt drin?
Ist die Berliner Republik wirklich so verkommen oder ist es in Wirklichkeit noch sehr viel schlimmer?

Martin Suter – Melody
Die Namensgeberin des Romans ist eine junge Frau und als der gerade von der Uni gekommene Jurist Tom Elmer den Job des Nachlassverwalters bei Alt-Nationalrat Dr. Stotz annimmt, findet er diese junge Frau auf unzähligen Porträts im Besitz seines neuen Arbeitsgebers.
Um Tom die Arbeit zu erleichtern, erzählt Dr. Stotz dem jungen Juristen seine Lebensgeschichte und auch die Geschichte von Melody. Stotz und Melody lernen sich in einem Café kennen, in dem die junge Frau arbeitet. Sie lernen sich kennen und lieben und schon bald ist von Hochzeit die Rede. Für Melody ist der aufstrebende Politiker eine gute Partie, für ihre Familie jedoch kein angemessener Lebenspartner für eine junge Muslima. Und so ist Melody gezwungen, eine Wahl zu treffen. Familie oder Hochzeit – Beides zusammen geht nicht.
Die junge Kellnerin erbittet sich also Bedenkzeit und macht Stotz schließlich zum glücklichsten Menschen der Welt, als sie mit ihrer Familie bricht und in die Hochzeit einwilligt. Stotz führt seine junge Verlobte nun in die Züricher Gesellschaft ein und bereitet gleichzeitig ein großes Fest vor, bei dem es an Nichts fehlen darf.
Kurz vor dem großen Hochzeitstag verschwindet Melody spurlos von einem Tag auf den anderen und ohne ein Wort an ihren Zukünftigen. Alle Versuche, Melody zu finden, schlagen über die Jahre fehl und doch konnte und kann Dr. Stotz sie nicht vergessen. Sie ist seine große Liebe und wurde über die vielen Jahre mehr und mehr zur Besessenheit.
Suter erzählt die Geschichte einer Liebe, die kein Happy-End gefunden hat. Und er erzählt, was von einer Liebe bleibt, der ein glückliches Ende nicht vergönnt ist. Er verpackt dies in eine spannende Erzählung, in die er geschickt auch immer wieder leise Zweifel einstreut, ob diese Liebe wirklich so groß war. Dabei stellt er vor allem die Frage, ob sie eine gegenseitige Liebe gewesen ist. Es bleibt gleichzeitig die Frage, welche Opfer Menschen bereit sind zu geben, um die Liebe zu erhalten und den geliebten Menschen nicht in Gefahr zu bringen. Denn am Ende wird vor allem eine Sache klar: Manchmal können sich zwei Menschen noch so sehr lieben – die Umstände machen es unmöglich, diese Liebe auszuleben.
Ein großes Buch über die Liebe, aber auch über die Menschen, die ihr immer wieder verfallen und trotzdem die Hoffnung nie aufgeben, dass am Ende alles gut wird. Ein positives Buch also, das vor allem durch seine Traurigkeit besticht. Unbedingt lesen!

Jo Nesbø – Minnesota
Der norwegische Autor Jo Nesbø ist zweifelsfrei ein Meister der spannenden Erzählung. Dieses Mal gewährt er uns jedoch einen tiefen Einblick in das Amerika unserer Zeit. Hier ist Minnesota nicht unbedingt der Inbegriff des Mittelpunkts der Welt und trotzdem treibt ein Serienkiller in der Hauptstadt des titelgebenden Bundesstaates sein Unwesen. Dieser scheint es vor allem auf Drogenkriminelle abgesehen zu haben – und von denen gibt es in Minneapolis sehr viele.
Ermittler Bob Oz heftet sich an die Spuren des Killers und muss doch erkennen, dass dieser ihm stets einen Schritt voraus ist.
Und hört sich dies nun im Grunde an wie die herkömmliche 08/15-Story, das übliche Katz- und Maus-Spiel zwischen Mörder und Polizist, erzählt Jo Nesbø in seinem Kriminalroman doch sehr viel mehr über das aktuelle Amerika als uns allen lieb sein kann. Darüber nämlich, wie es seit Jahren bergab geht, die Schere zwischen arm und reich immer größer wird und damit immer mehr Menschen desillusioniert zurücklässt. Menschen, die früher als Mittelschicht galten und den bürgerlichen Kern der Gesellschaft bildeten.
Eine spannende Geschichte, die auf ein terroristisches Großereignis zu führen scheint und in der am Ende doch alles anders ist, als es zuvor auch nur im Ansatz erschienen ist.

T. C. Boyle – Hart auf hart
In Zeiten wie diesen lohnt sich der Blick auf die dunkle Seite der USA wieder. Die USA derer, die dem amerikanischen Traum nicht blindlings folgen, sondern das Gesetz des Stärkeren zu ihrem Grundsatz gemacht haben. Für die eine Waffe in der eigenen Hand mehr wert ist, als jedes Menschenleben, das die eigene Freiheit vermeintlich bedroht.
Der amerikanische Autor T. C. Boyle erzählt von solchen Gestalten. Vom Ex-Soldat, der im Urlaub in Thailand kaltblütig einen Menschen tötet, weil dieser den Touristenbus überfällt. Von Adam, dem Sohn des Soldaten, der mit der Menschheit längst abgeschlossen hat und sich mit einem ganzen Arsenal an Waffen in den Wald flüchtet. Und von Sara, die mit Behörden und Obrigkeiten nichts anfangen kann und Spießigkeit für das wahre Problem Amerikas hält.
Als Sara sich in Adam verliebt, scheint sich zunächst eine Art Gleichgewicht zu bilden, das eine Existenz am Rande der Gesellschaft zulässt. Doch dann erkennt Sara die tickende Zeitbombe in Adam und lässt ihn ziehen. Eine Entscheidung, die mehreren Menschen das Leben kosten wird und den Leser bis ans Ende des Romans mit sehr festen Seilen fesselt.

Daniel Kehlmann – Lichtspiel
Daniel Kehlmanns Roman über einen fiktiven, echten Filmregisseur ist in heutigen Zeiten ein sehr wichtiges Buch. Denn hier verstrickt sich der Filmregisseur G.W. Pabst in seine eigenen Ansprüche der Kunst gegenüber und muss sich gleichzeitig die Frage stellen, wie er mit dem unmenschlichen Regime umgeht, das im Land seiner Erfolge inzwischen die Macht übernommen hat.
Es folgt zunächst die Flucht nach Hollywood, verbunden mit der Erkenntnis, dass er auch als erfolgsverwöhnter Filmemacher hier noch einmal ganz von vorne anfangen muss. Seine Kontakte aus der alten Heimat helfen ihm hier wenig. Jeder muss für sich gucken, wo er oder sie bleibt.
Und so wird der Ruf aus Deutschland immer lauter, die Angebote immer lukrativer. Die Freiheit, das zu tun, was allein der Kunst dient, gibt es auf beiden Seiten nicht. In Hollywood fehlt das Geld für unbekannte Regisseure, in Deutschland die Freiheit auf so vielen anderen Ebenen.
Am Ende bleibt die Entscheidung für das vermeintlich geringere Übel, welches nur mit der Flucht vor der Realität überhaupt auszuhalten ist.
Ein starker Roman über das Verschließen der Augen und das Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Umso spannender, weil sich die Romanfiguren sehr eng an echten Vorbildern orientieren.

Siegfried Lenz – Schweigeminute
In einer seiner schönsten und von der Kritik gefeierten Novelle »Schweigeminute« erzählt Siegfried Lenz die Geschichte einer verbotenen Liebe zwischen einer Englischlehrerin und ihrem Schüler. Angesiedelt an der Ostsee wird aus ersten Annäherungen vor malerischem Hintergrund schnell eine leidenschaftliche Romanze zweier Menschen, die sich um gesellschaftliche Vorgaben wenig scheren.
Im Normalfall könnte eine solche Geschichte schnell ins Kitschige und Triefende abdriften, doch der Erzähler heißt eben Siegfried Lenz. Dieser schafft es in unnachahmlicher Leichtigkeit, die Klippen der Peinlichkeiten und allzu romantische Fallstricke zu umschiffen. Eine Novelle, die das Leben und die Liebe feiert und dabei geschickt verstrickt, wie Endliches zu Ewigem wird und dabei ohne den Gegenpol nicht existieren kann.

Zoran Drvenkar – Asa
Irgendwie ist es ein komisches, seltsames Buch. Sein Verlag kündigt den neuen Thriller des in Berlin lebenden Zoran Drvenkar als Pageturner an – und in der Tat ist er das zumindest zu Beginn. Dies liegt jedoch vor allem daran, dass man als Leser zunächst keinerlei Ahnung hat, worum es eigentlich geht. Weder über die Figuren, noch über den Grund ihres z.T. brutalen Handelns erfährt man Näheres. Das ist natürlich Absicht und im Grunde so etwas wie das Fundament eines Thrillers. Leider fällt der Drang des Seitenumblätterns mit jedem Detail, den man über die Hintergründe der Brutalitäten erfährt. Denn diese Details sind mitunter so an den Haaren herbeigezogen, dass es fast wehtut. Und Logiklöcher scheinen auch nur da zu sein, um sie mit der nächsten Wendung locker zu überspringen. Am Ende fragt man sich dann: Worum geht es nun eigentlich wirklich? Um deutsche Härte? Um Traditionstümelei? Oder einfach nur um Rache? So richtig kann man die Gründe für das Handelns der Hauptfigur, die dem Roman ihren Titel gibt, nicht nachvollziehen. Und so fragt man sich ab einem gewissen Punkt dann wirklich, ob man dieser Asa noch folgen möchte. Spätestens an dieser Stelle ist aus dem Pageturner dann ein Heavypager geworden.

Dörte Hansen – Zur See
Wer früher zur See gefahren ist, musste ein echter, harter Kerl sein. Und auch die Leute, die auf einer Insel irgendwo im Meer lebten, mussten hart im Nehmen sein. Heute ist das nicht mehr so. Zwar fahren noch immer hauptsächlich Menschen zur See, die hart im Nehmen sind, doch das Leben auf den Inseln hat sich in den letzten beiden Generationen grundlegend geändert. Lebte man früher vom Fischfang, sind es heute vor allem die Touristen, die das Geld bringen. Menschen auf der Suche nach dem rauen Leben und doch auch Grund für dessen Aussterben. Wie sich das Inselleben verändert, beschreibt Dörte Hansen in ihrem großartigen Buch »Zur See«. Sie macht dies ohne große Geschichte, sondern verfolgt die Familie Sander und den Insel-Pfarrer Lehmann bei ihren alltäglichen Routinen. Das Leben auf den Inseln ist schon Veränderung genug – erst Recht, wenn ein toter Wal und ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag dazwischenfunken

Tana French – Feuerjagd
Die Irin Tana French ist mit Sicherheit eine der besten Erzählerinnen unserer Zeit. Spannend sind ihre Geschichten. Weil sie sich nicht an Erfolgsrezepten orientiert und ihre Thriller eben nicht immer damit enden, dass das Böse noch so böse sein kann, um auf den letzten Seiten dann doch wieder vom Guten besiegt zu werden. Tana French stellt sich die Frage nach dem Bösen und dem Guten gar nicht erst. Sie schreibt über Menschen – und somit über das Gute und das Böse, das uns allen innewohnt. In »Feuerjagd« führt sie uns noch einmal in das kleine irische Dorf Ardnakelty, das schon im letzten Roman »Der Sucher« viel mehr als nur Kulisse war. Wieder sind der Aussteiger-Cop Cal und die mittlerweile 15-jährige Trey die beiden Personen, um die sich so Vieles dreht, obwohl sie eigentlich nur am Rand der Geschichte stehen. Das Unheil beginnt, als Treys Vater Johnny nach vielen Jahren plötzlich wieder da ist. Allein durch seine Anwesenheit wäre er schon eine Bedrohung für die zarte Pflanze einer Vater-Tochter ähnlichen Freundschaft, wie sie Cal und Trey aufgebaut haben. Doch Johnny hat noch jemanden mitgebracht und gemeinsam mit seinem Bekannten bringt er mit einem Plan und windigen Versprechen das gesamte Dorf durcheinander… Tana French hat mal wieder einen Krimi geschrieben, ohne einen Krimi zu schreiben. Die irische Erfolgsautorin interessiert sich nicht für plötzliche Wendungen, für künstlich hervorgerufene Twists oder künstlich aufgebaute Spannung. Tara French interessiert sich für die Personen, die Menschen in ihrem Buch. Sie lässt den Leder ins Innere blicken und braucht somit keine großen Erklärungen. Die Geschichte läuft, weil sie eine Geschichte der Menschen ist, die an ihr beteiligt sind. Und so klärt sich auch das Schicksal des Bruders – ohne, dass French auf die üblichen Klischees zurückgreifen muss, bei denen das Gute am Ende immer gewinnt.

Tana French – Der Sucher
Da ist der Polizist aus Chicago, Drogenfahnder, der in seinem Leben alles Elend der Welt gesehen hat. Und der seine Zelte in Amerika abbricht. Die erwachsene Tochter, die Ex-Frau hinter sich lässt, um in Irland ganz weit draußen auf dem Land ein verlassenes und heruntergekommenes Cottage zu kaufen. Fernab will er wieder zu sich kommen, der Aussteiger, wie er im Buche steht. Doch während die Dorfgemeinschaft noch vorsichtig ihre Kreise um den neuen Bewohner macht, sucht ein 15-jähriges Kind den Kontakt. Der Polizist kann bestimmt helfen, denn das Kind vermisst seinen großen Bruder. Der hat sich eigentlich nimmer um alles gekümmert. Vor allem um die jüngeren Geschwister – seit der Vater einfach abgehauen ist und die Mutter hoffnungslos überfordert. Doch von einem auf den anderen Tag war der Bruder plötzlich weg und wenn ihn jemand finden kann, dann doch wohl ein ehemaliger Polizist… Tana French hat mal wieder einen Krimi geschrieben, ohne einen Krimi zu schreiben. Die irische Erfolgsautorin interessiert sich nicht für plötzliche Wendungen, für künstlich hervorgerufene Twists oder künstlich aufgebaute Spannung. Tara French interessiert sich für die Personen, die Menschen in ihrem Buch. Sie lässt den Leder ins Innere blicken und braucht somit keine großen Erklärungen. Die Geschichte läuft, weil sie eine Geschichte der Menschen ist, die an ihr beteiligt sind. Und so klärt sich auch das Schicksal des Bruders – ohne, dass French auf die üblichen Klischees zurückgreifen muss, bei denen das Gute am Ende immer gewinnt.

Fatma Aydemir – Ellbogen
Die Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Türkin, die eigentlich Berlinerin ist, stammt zwar schon aus dem Jahr 2018, hat an Aktualität jedoch noch nichts verloren. Gerade wurde das Buch verfilmt und der Film hatte Anfang September 24 seinen Kinostart in Deutschland, nachdem er im Frühjahr auf der Berlinale lief.
Erzählt wird die Geschichte von Hazal, die gerade volljährig wird und nicht so recht weiß, wohin sie gehört. In Berlin geboren und aufgewachsen, ist sie in der Hauptstadt doch die Türkin und steht bei Vielem allein deshalb außen vor. Als ihr an ihrem Geburtstag die Sicherungen durchbrennen und sie nach Istanbul flieht, muss sie feststellen, dass sie dort überall die Deutsche ist.

Theodor Storm
Wenn man gerade an der Nordseeküste unterwegs ist, kommt einem unweigerlich diese Novelle von Theodor Storm in den Sinn. Könnte man also auch mal wieder lesen. Zumal sie – wie in diesem Falle – als Ausgabe vom Hamburger Lesehefte Verlag nur 2,30 Euro kostet. Also: Mut zu alten Texten, die in ihrer Faszination nichts verloren haben und im Gegenteil noch viel großartiger wirken, wenn man denn selbst mal im Sturm am Strand der Nordsee entlang läuft.
