Anmutiges Antwerpen

Es dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben, dass Städte in Belgien zu den schöneren ihrer Gattung gehören. Nicht umsonst heißt es »Brügge sehen… und sterben« (was ich übrigens bestätigen kann – es gibt kaum eine schönere Stadt in Europa als Brügge) und seit heute weiß ich nun: Auch Antwerpen kann sich in der Tat mehr als sehen lassen.
Während Brügge jedoch eine schier nicht enden wollende Altstadt mit historischen Gebäuden bietet, kann Antwerpen mit unterschiedlichen Ambienten locken. Die Altstadt ist hier bei weitem nicht so groß wie in Brügge, sondern beschränkt sich auf das Viertel rund um das berühmte Stadthaus und die Kathedrale. Dafür gibt es in Antwerpen nördlich des Zentrums das Universitätsviertel, das vor allem mit den heute typischen Bistros und mit nachhaltigen Läden lockt. Nördlich daran schließen sich die Docks an, welche früher zum Hafen gehörten, heute jedoch mit modernen Wohnhäusern gespickt sind, die sich um verschiedene Yachthäfen in die Höhe recken.


Das kulturelle und gastronomische Herz von Antwerpen schlägt etwas südlich vom Zentrum im Theaterquartier. Hier finden sich tatsächlich auch heute noch jede Menge Bühnen, die mit ihrem weitgefächerten Programm kaum einen Wunsch offen lassen. Östlich ans Theaterquartier schließt sich das Bahnhofsviertel an. Doch vermutet man hier – wie in vielen anderen Städten – vor allem den Rotlichtbereich, liegt man in Antwerpen falsch. Der Bereich rund um den Bahnhof ist fest in Händen der Diamanten. Ein Juweliergeschäft reiht sich ans Nächste und in den Schaufenstern funkelt und glitzert es, dass man es kaum aushält. Für mich schwer nachzuvollziehen, wie man bei einem dermaßen großen Angebot jemals zu einer Entscheidung kommt. Sucht man ein Schmuckstück und denkt, man hat es gefunden, so muss in Antwerpen unweigerlich das Gefühl aufkommen, im nächsten Laden ein noch viel schöneres Schmuckstück übersehen zu haben.
Zentrum der Diamantenwelt ist die entsprechende Börse in Antwerpen. Wer hier jetzt allerdings einen angemessenen Palast erwartet, wird enttäuscht – und suchen muss er auch noch. Denn die Diamantenbörse liegt in einer hässlichen Nebenstraße und hebt sich nicht im geringsten von den Gebäuden um sie herum ab. Alles grau in grau – als wolle man sagen: Die Diamanten sind für sich schon schön genug.


Mit ein Grund, warum ich Antwerpen vor wenigen Jahren auf meine Reise-Bucketlist aufgenommen habe, war übrigens die Netflix-Serie »Rough Diamonds«. In der belgisch-israelischen Thrillerproduktion geht es um eine jüdische Familie, die seit Generationen mit Diamanten handelt und in finanzielle Schieflage gerät. Und wo so viel Geld im Spiel ist, ist auch die Mafia nicht weit. Dummerweise erkennen die Wolfsons erst dann, mit wem sie sich eingelassen haben, als es schon fast zu spät ist. Nur ein überaus riskanter Deal kann das Familienunternehmen am Ende noch retten. Wer die Serie noch nicht gesehen hat: Absoluter Tipp! Viele Drehorte habe ich heute in der Realität gesehen.
Ach, und apropos, weil wir gerade bei Bahnhofsviertel und Rotlichtmilieu waren: Das Rotlicht findet man in Antwerpen zwischen den Docks und dem historischen Zentrum. Nicht, dass ich es gesucht hätte, doch hat man auf dem Weg in die Altstadt die Docks hinter sich gelassen und biegt dann rechts in Schippersstraat ein, machen einem aus diversen Schaufenstern plötzlich leicht bekleidete Frauen schöne Augen. Und das Ganze ist nicht etwa in irgendeiner Form abgesperrt oder gekennzeichnet, wie man es von der Herbertstraße in Hamburg kennt. Hier läuft einfach alles und jeder durch die Gassen und muss dann selbst entscheiden, wonach er sucht und ob überhaupt. Nun ja, wenn also nicht Bahnhofsviertel, dann eben Hafenviertel.


Aber wir waren ja im Bahnhofsviertel und geht man von hier nun wieder in Richtung historischen Stadtkern, kommt man an der Meir nicht vorbei. Denn die Fußgängerzone ist die direkte Verbindung und heute eine Einkaufsmeile, die sich gewaschen hat. Neben den üblichen Ketten, die man in jeder Shoppingmeile Europas kennt, halten sich hier auch Einzelgeschäfte, deren Warenangebot weit über die gewohnten und üblichen Offerten anderer Innenstädte hinaus gehen. Noch dazu gibt es hier keine Betonklötze, in denen das bunte Angebot von der Hässlichkeit des Gebäudes ablenken muss. Auf der Meir betritt man mit jedem Geschäft ein historisches Gebäude. Absoluter Höhepunkt ist hier der Stadtfestsaal, der früher Veranstaltungen beherbergte und seit 2007 als Kaufhalle dient, die man besucht haben muss. Pompöser kann man sein hart verdientes Geld nicht ausgeben.


Zum Schluss dann noch der Rundgang im historischen Stadtkern – und was auffällt: Es ist hier bei weitem nicht so überlaufen, wie man es aus Prag oder Krakau kennt. Auch mit meinen Erfahrungen in Montmartre in Paris hat das hier nichts zu tun. Zumindest tagsüber verteilen sich Touristen gut in den Gassen und man hat nicht den Eindruck, dass es überfüllt ist. Abends in den Restaurants mag das dann schon anders aussehen. Hier wird es mitunter voll. Zum Glück gibt es jedoch ausreichend Auswahl, sodass am Ende mit Sicherheit alle was zu essen kriegen.
























