Neue Leidenschaft

Als ich im Sommer in Wacken war, bin ich am Tag vorher in der Nähe von Hamburg bei einem Händler für Wohnmobile vorbei. Dort hatte ich nämlich vor meiner England-Tour in die Tat umgesetzt, was ich schon eine ganze Weile als Gedanke mit mir herum trug. Ich hatte mir ein Wohnmobil gekauft. Gebraucht, aber wie neu – dafür um zehntausende Euro günstiger. Man kauft ein Wohnmobil nicht neu. Genauso wenig, wie man ein Auto neu kauft. Der Wertverlust in den ersten beiden Jahren kann mit Geld gar nicht bezahlt werden. Also schaut man sich nach einem gebrauchten Wohnmobil um.
Ich habe dies wahrscheinlich 2019 das erste Mal getan. Kurz nach der Trennung von meiner Frau. Dann war da die Frage der Finanzierung, das Zögern, welches Angebot das Richtige ist und rumms kam Corona. Da war dann erst einmal Funkstille, aber dafür genug Zeit, sich schlau zu machen. Worauf kommt es an? An welche Dinge sollte man bei einem Wohnmobil unbedingt denken? Und ist dieses spießige Campingleben überhaupt was für mich?
Die Antwort auf die letzte Frage habe ich am schnellsten gefunden: Es gibt diese und jene Camper. Die einen, die ihren Wohnwagen oder ihr Wohnmobil zu Beginn der Ferien irgendwo auf einen kleinen Campingplatz stellen, der nach Möglichkeit in der Nähe irgendeines Gewässers steht. Diesen Platz darf man dann für die Zeit des Urlaubs auf keinen Fall verlassen. Faulenzen ist angesagt, maximale Aktivität ist ein kurzes Eintauchen in das nahe Gewässer. Und am Abend wird gegrillt und auf die Uhr geschaut. Denn ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe auf dem Campingplatz und wer die nicht einhält, den darf man zur Ordnung rufen. Geschieht schließlich in jedem Kleingartenverein deutschlandweit tausendfach jeden Abend.
Und dann gibt es eben die, die den eigenen Camper dazu nutzen, um möglichst viel rumzukommen. Der Weg ist das Ziel und zur Not wird halt am Straßenrand übernachtet. Zwischendrin noch auf das ein oder andere Festival oder möglichst nah ran an den Strand. Und wer sich jetzt noch immer fragt, zu welcher Sorte Camper ich gehöre: Es sind jene am Straßenrand, auf dem Festival oder am Strand.
Wobei dies natürlich die ein oder andere Nacht auf einem Campingplatz natürlich nicht ausschließt. Gerade, wenn es nach Nürnberg geht, zum Fußball. Dort liegt der Campingplatz nämlich derart ideal, dass man faktisch gar nicht um ihn herumkommt. Vom Wohnmobil zum Stadion sind es hier mal gerade 500 Meter.
Und so bin ich nun also bei jeder besseren oder schlechteren Gelegenheit in meinem Wohnmobil unterwegs und freue mich jedes Mal wie ein Schneekönig, dass ich meine Ein-Zimmer-Wohnung nun immer dabei habe. Der Weg vom Wunsch zum Entschluss hatte mit Marie noch einmal einen Umweg genommen. Wenn man jemanden kennenlernt, sortiert man seine Gedanken, ordnet die Liste der Prioritäten noch einmal neu.
Nach ihrem Tod war es dann die Suche danach, was helfen könnte, die den Entschluss beschleunigte. Der Gedanke an Ausbrüche aus dem Trott, an neue Horizonte und Zufluchtsorte ohne viele Menschen um mich herum, schien mir schnell der, der am meisten lohnte.
Auf Wacken hat das Wohnmobil nur Tage nach der Abholung sofort seine Feuertaufe bestanden. Selbstredend, dass ich seitdem jede Gelegenheit nutze, um unterwegs zu sein – so natürlich auch an diesem verlängerten Wochenende. Ich bin unterwegs nach Nürnberg, zum Fußball – und das Schöne: Ich kann mir Zeit lassen. Als ich heute gemerkt habe, dass ich es bis Nürnberg nicht mehr schaffe, bin ich an der Raststätte »Frankenhöhe« raus und habe mich dort zwischen die LKWs geparkt. Im Kiosk der Tankstelle habe ich mir nun zwei Dosen Bier gekauft und lasse den Abend ausklingen. Sobald ich morgen wieder wach werde, geht es die restlichen zwei Stunden runter zum Glubb.