Der alltägliche Rassismus

Man stelle sich vor, da kommt ein staatlich gefördertes Theater auf die Idee und stellt in einem Sommer, der mal wieder viel zu heiß ist, einen riesengroßen Swimming Pool vor die eigene Haustür. In einer Stadt wie Berlin, in der es immer wieder Probleme mit der Sicherheit in Freibädern gegeben hat, darf allein dies durchaus als politisches Statement verstanden werden. Vor allem, wenn dann klar kommuniziert wird, dass der große Pool als Ort für alle gedacht ist. Kein Eintritt, keine Ausweiskontrolle, ein offener Ort für alle in der offenen Stadt Berlin.
So weit, so gut. Doch dann stelle man sich vor, dass dieses Theater auch noch auf die Idee kommt, das Schwimmbad an einem Freitagnachmittag allein einem Verein zur Verfügung zu stellen, mit dem man seit längerem zusammen arbeitet und der sich für die Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland und Europa einsetzt. Da wäre es doch gelacht, wenn der »Skandal« nicht lange auf sich warten lässt.
Denn ganz abgesehen von den rassistischen Internetbots, die ja sowieso rund um die Uhr herumtrollen, meldeten sich sehr bald auch die ach so christlichen Demokraten unserer Stadt. Aileen Weibeler meinte in einem Instagram-Post, dass sich das »irgendwie seltsam« anfühle. Eigentlich wollte sie ausgerechnet an dem einen Freitag mit einer Freundin vor der Volksbühne schwimmen gehen und noch muss sie erfahren, dass das Wasser in der Zeit ausschließlich der schwarzen Community vorbehalten sei. Irgendwie fühle man sich als weißer Mensch da doch diskriminiert.
Ach, nee? Na, dann herzlich Willkommen in der Welt so vieler Menschen – auch und immer noch in Berlin!!! Sonst das ganze Jahr in Sachen Diskriminierung das Maul nicht aufkriegen, aber sobald es um die eigene Freizeitgestaltung geht, sofort das große Heulen anfangen.
Auch Stefan Evers (Foto) und – auch, wenn es noch fast niemand weiß – immerhin Berliner Spitzenkandidat der CDU bei der anstehenden Senatswahl, haut in diese Kerbe. »Ich persönlich halte nichts davon, Menschen nach Hautfarben einzuteilen. Ich bin ein Freund des Miteinanders«, lässt er sich zitieren. Und was wäre, wenn irgendeine AfD-Jugendgruppe ihren Sommerferienausklang mit lauter blonden, weißhäutigen Menschen dort für vier Stunden im Wasser geplanscht hätte? Herr Evers, zeigen Sie mir den dunkelhäutigen Menschen, der dann freiwillig ins Haifischbecken gestiegen wäre.
In jeder deutschen Kneipe, an jedem Veranstaltungsort gibt es Abende, an denen nicht alle Menschen Zutritt haben. Wenn eine Hochzeit gefeiert wird, hängt draußen ein Schild: »Heute geschlossene Veranstaltung«. Und kein Mensch regt sich darüber auf. Doch wehe, es kommt ein Verein, der sich für Minderheiten einsetzt und möchte diesen ein paar unbeschwerte Stunden des Vergnügens fernab sonst üblicher Anfeindungen bieten. Keine drei Minuten dauert es und das Schmierblatt mit den vier großen Buchstaben kommt um die Ecke und druckt die Schnappatmung derer, die nicht verstehen, dass es genau dieses Verhalten ist, das solche Veranstaltungen umso wichtiger machen. Diese Verhalten nämlich ist Rassismus in seiner Reinform.
Foto: Von Tobias Koch – https://www.berlin.de/sen/finanzen/ueber-uns/leitung-organisation/der-senator/artikel.4892.php, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=134062086

