Die größte Stadt in Schottland: Glasgow

Wenn man gerade aus Edinburgh kommt, hat es jede Stadt auf der Welt schwer, mitzuhalten. Erst recht, wenn man zwischen den beiden Städten mal gerade 80 Kilometer zurücklegen muss und damit die Erinnerungen nach einer knappen Stunde Fahrt noch so frisch sind. Trotzdem kann Glasgow punkten. Denn Glasgow ist komplett anders als Edinburgh.
Dies mag vor allem an der Größe der beiden Städte liegen. Glasgow ist mit rund 636.000 Einwohnern nach London und Birmingham die drittgrößte Stadt im Vereinigten Königreich. Sie galt früher als Arbeiterstadt, die entsprechend schwer in die Krise kam, als in den 1970er und 1980er Jahren vor allem die Stahlwerke nach und nach schließen mussten. Seit den 1990er Jahren ist man um einen Strukturwandel, hin zu einer Kultur- und Wissenschaftsstadt bemüht. Viele der früheren Arbeiterfamilien profitieren von diesem Aufschwung jedoch nicht und so ist die Arbeitslosigkeit in Glasgow im Verhältnis zum Rest von Großbritannien sehr hoch.


Dies merkt man natürlich vor allem in den Randbezirken der Stadt, während der Aufschwung in der Innenstadt durchaus sichtbar ist. Geschäfte aller Art, Pubs und Restaurants haben die Straßenzüge fest in ihrer Hand. Wer Geld hat und es loswerden will, kommt also voll auf seine Kosten.
Ein großer Vorteil von Glasgow ist auch, dass es längst nicht so überlaufen von Touristen ist, wie die schottische Hauptstadt Edinburgh. Natürlich findet man auch hier die Gruppenführungen und die unvermeidlichen HopOn-HopOff-Busse. Doch schon das Abbiegen in eine der Querstraßen kann hier echte Abhilfe schaffen.
In den drei Tagen, in denen ich hier war, konnte ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt gut und ohne große Hetze ablaufen. Wer seinen Citytrip mit Museumsbesuchen verknüpfen will, sollte mehr als die drei Tage einplanen.


Gesehen haben sollte man in Glasgow den George Square und damit das Rathaus. Dies ging dieses Mal nicht so dolle, denn der große Platz war komplett mit einem Bauzaun umgeben. Der Platz soll schöner werden und schaute man durch eins der vielen Fenster in dem Bauzaun, kann das wohl auch noch eine Weile dauern, ehe dann alles fertig ist. Wenn die Freigabe wie geplant Ende Oktober 2026 stattfinden soll, müssen sie sich ranhalten. Wobei ich es schon seltsam finde, dass man den renommiertesten Platz der Stadt dicht hat, während man gleichzeitig die Commonwealth Games (so etwas wie Olympia für die britischen Commonwealth-Staaten) veranstaltet.
Doch auch, wenn ein Bauzaun im Weg steht. Wer von der Seite mal genau hinsieht und sich das Dach des Rathauses anguckt, wird entdecken, dass auch Glasgow seine eigene Freiheitsstatue hat.
Ansonsten sehenswert ist Merchand City. Hier gibt es Designerboutiquen und elegante Cafés – meist in ehemaligen Lagerhäusern an der Ingram Street oder auch im Italian Centre, einem stilvollen Einkaufskomplex rund um einen Innenhof. Gourmetbistros mit schottischer, indischer und mediterraner Küche sind überall zu finden, renovierte Gebäude aus dem 18. Jahrhundert beherbergen Cocktaillounges und Gin-Bars.


Von dort kann man locker rüber zur Gallery Of Modern Art. Vor der Galerie steht eine Reiterstatue vom Duke of Wellington und wie schon das ein oder andere Denkmal in Edinburgh trägt auch der Herzog ein Straßenhütchen als Kopfschmuck. Wer die Statuen mit dem modernen Kopfschmuck versieht, ist nicht bekannt. Eine Zeit lang hat die Polizei die orangenen oder roten Hütchen auch noch von den Statuen geholt. Mit dem Ergebnis, dass spätestens nach einer Woche ein anderes Hütchen wieder da. Inzwischen hat man den Kampf aufgegeben und lässt die Hütchen einfach oben.
Der Duke of Wellington sitzt hier übrigens nicht auf einem gewöhnlichen Pferd, sondern auf einem Einhorn. Das Einhorn ist das Wappentier von Schottland. Der Legende nach ist das Einhorn das einzige Tier, das einen Löwen besiegen kann. Und wer hat den Löwen als Wappentier? Richtig, die ungeliebten Engländer.


Hinter der Gallery of Modern Art geht die Einkaufsstadt Glasgow dann erst so richtig los. Wer jedoch weniger das typische Fußgängerzonenfeeling sucht, sondern eher das Gefühl unter Einheimischen im Kiez einzukaufen, der muss etwas weiter raus und die Argyle Street hoch und runter. Hierbei sollte man auf der linken Seite stadtauswärts unbedingt immer in die Hinterhöfe gucken. Denn sonst verpasst man »The Hidden Lane«. Hier gibt es Kunsthandwerk, Antiquitäten und auch einen Plattenladen. Es werden aber auch Dienstleistungen wie Yoga oder das Legen von Tarotkarten angeboten. Allein vom Ambiente ist »The Hidden Lane« sehenswert.


Am Ende der Argyle Street findet man am Kelvingrove Park dann das Kelvingrove Art Gallery And Museum. Das Ganze ist Kunst- und Naturkundemuseum in einem und man findet eine vielfältige Sammlung eindrucksvoller schottischer und internationaler Kunstwerke, sowie eben naturkundliche Ausstellungen.
Geht man dann durch den Park den Kelvin Way Richtung Norden, sieht man schon von weitem den Turm der University of Glasgow – einer von vier Universitäten in Glasgow. Der Weg zu den Gebäuden der Universität lohnt hier besonders, denn das historische Gebäude ist atemberaubend schön. Und man darf es kostenlos bestaunen und anders als ich es z.B. in Cambridge kennengelernt habe, sogar betreten. Man kann also in den Innenhof und sich von der intellektuellen Atmosphäre einer fast 600-jährtigen Geschichte inspirieren lassen. Wer auf die Idee kommt, seine Kinder hier vielleicht irgendwann mal studieren zu lassen, sollte vorher das nötige Kleingeld zur Seite legen. Je nach Studiengang werden hier Gebühren von 32.000 bis 73.000 Euro pro Jahr fällig.


Ganz am anderen Ende der Stadt in Richtung Osten raus sollte man sich unbedingt noch die Kathedrale ansehen und den dahinter liegenden Friedhof »The Glasgow Necropolis«. Auf der viktorianischen Ruhestätte finden sich die Gräber und Mausoleen prominenter Glasgower Bürger der damaligen Zeit. Sehenswert ist Lage des Friedhofs an auf einem Hügel. Entsprechend hat man von oben dann auch einen tollen Rundumblick über die gesamte Stadt.


Lässt man den Friedhof die Kathedrale wieder hinter sich, sollte man unbedingt gegenüber noch in »Porvand’s Lordship« hinein. Das älteste Haus Glasgows bietet Einblicke darin, wie die Menschen in früheren Jahrhunderten in der Stadt gelebt haben. Der Eintritt ist hier kostenlos.
Alles in allem muss man sagen, dass Glasgow einfach vielfältiger ist als Edinburgh. Während die schottische Hauptstadt eine schöne Altstadt bietet, bei der sich von Straßenzug zu Straßenzug jedoch wenig ändert, öffnet sich in Glasgow hinter jeder Ecke eine neue Welt. Mal nicht so schöne Straßenzüge, mal schöne, aber oft jedoch zumindest interessante. Und für meine vielen Leute aus Nürnberg ist Glasgow sowieso mehr oder weniger Pflicht. Ist die schottische Hafenstadt doch Partnerstadt der Frankenmetropole.


































































