REVOLVER - Lagebericht

Den Bogen überspannt

König Fußball? Das war einmal… Heute heißt es doch längst König Geld! Und mit ein wenig Gespür für die Sache und als jahrelanger Fußballfan beschlich einen schon während der gerade vergangenen Weltmeisterschaft des Öfteren das Gefühl: Es reicht. Bei aller Wertschätzung für die sportlichen Leistungen, bei aller Liebe und Euphorie, die Fans aus der ganzen Welt mit in die Stadien brachten – es blieb ein bitterer Beigeschmack. Der Kommerz hatte überhandgenommen, das eigentliche sportliche Ereignis war – vor allem im Endspiel – schon viel zu sehr in Hintergrund gerückt.

Doch es gab und gibt da einen Mann, den ficht das alles nicht an. Grinsend hält er seine polierte Glatze selbst dann ins Fernsehbild, wenn das ganze Stadion pfeift. Von Transparenz oder gar Einsicht hat er noch nie viel gehalten und als ihm nach der WM die Sache zu bunt wurde, holte er zu einem Gegenschlag aus, der mindestens genauso lächerlich war, wie der von ihm geschaffene Friedenspreis für Donald Trump.

Spätestens mit dem Mega-Turnier in den USA, Kanada und Mexiko hat sich FIFA-Boss Gianni Infantino zum Diktator des Fußballs aufgeschwungen. Er ganz allein weiß, was gut für das Spiel ist. Er ganz allein ist Heiland und der Messias des Fußballs in Personalunion. Und war etwas anderes behauptet, ist eben ein Miesepeter, der nicht sehen will, wie viele Milliarden ER ganz allein, dem Fußball auf der Welt schon beschert hat.

Ginge es nach Infantino würde die Presse der gesamten Welt ab sofort nur noch Mitteilungen der FIFA als einzige Wahrheit verbreiten. Ginge es nach Infantino, sind Trinkpausen auch in den Wintermonaten in Nordeuropa dringend notwendig. Ginge es nach Infantino, verhandeln Staatsmänner nach Schlusspfiff am Telefon, welche Schiedsrichterentscheidungen nach dem Spiel bestehen bleiben und welche aufgehoben werden. Ginge es nach Infantino, würden am Ende gerne Investoren entscheiden dürfen, welches Land auf unserem Planeten denn nun dringend endlich mal Weltmeister werden müsste.

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Gerade jedoch im letzten Fall scheint Infantino sich seiner Sache zu sicher gewesen zu sein. An diesem Punkt scheint der Bogen nun wirklich überspannt. Die UEFA droht mit Boykott, der Nord- und Mittelamerikanische Fußballverbund CONCACAF folgt und als Fan eines Zweitligisten in Deutschland kann man nur sagen: Endlich! Denn auch, wenn ich hier im zweiten Satz des Absatzes bewusst das Wort »scheint« gewählt habe, gibt es vielleicht doch noch so etwas wie Hoffnung. Auch die Herren Funktionäre »scheinen« – ausgenommen sind hier Herr Infantino und seine unmittelbaren Gefolgsleute – noch so etwas wie rote Linien zu haben.

Spannend wir die Geschichte erst, wenn es wirklich zum Eklat kommt. Wenn links und rechts die größtmöglichen Drohkulissen aufgebaut werden und es am Ende trotzdem zu einer knappen Mehrheit für Infantinos Investoren-Trump-Deal kommt. Was passiert dann? Wirklich eine WM ohne europäische Nationen?

Gerade an diesem Punkt bleiben Zweifel. Zu sehr ist das Einknicken des DFB noch bei der WM 2022 im Gedächtnis, wo es am Ende nicht mal mehr um die Sache ging, sondern allein darum, ob ein Prostest vielleicht nur dann ein Protest sein kann, wenn er am Ende auch wehtun kann. Der DFB hat das 2022 anders gesehen und ist – übrigens völlig unnötig – eingeknickt. Die FIFA drohte mit Punktabzug und am Ende hätte dieser am Ausscheiden der deutschen Mannschaft auch nichts geändert.

Es bleibt also spannend, wie lange die UEFA ihr Rückgrat aufrecht hält und ob es zur echten Eskalation kommt. Oder ob Infantino das Grinsen vergeht und er vielleicht sogar merkt, dass er an dieser Stelle zu weit… ach, nee – Stopp! Das wäre ja absurd.

Und ja, absurd ist auch das ganze Theater. Viel zu lange schon! Wie gerne rühmt sich der Fußball, unpolitisch zu sein?! Er ist es nicht. Die Funktionäre beweisen es gerade erneut. Wo Geld ist, gibt es Interessen. Wo es Interessen gibt, gibt es Konflikte. Wo es Konflikte gibt – ach, hör mir auf – kommt am Ende Krieg heraus. Beim Fußball zum Glück – noch – auf anderer Ebene. Doch dem Spiel selbst tut es schon jetzt nicht mehr gut. Und kommt die Eskalation, kann es den Fußball zerreißen. Dann haben wir am Ende vier Weltmeisterschaften – verschiedener Verbände, wie wir es vom Boxen kennen. Na, herzlichen Glückwunsch und vielen Dank, Herr Infantino!

Mögen die Kontinentalverbände also bitte zur Vernunft kommen, den Vorschlag des Schweizer FIFA-Bosses ablehnen und ihn dann gleich in die Wüste zu seinen katarischen und saudi-arabischen Freunden schicken. Ob es danach besser wird? Nein, bestimmt nicht. Aber es verzögert den Prozess ein wenig und wenn ich Glück habe, bin ich längst tot, ehe die Lawine wirklich losgetreten wird, die da jetzt schon in Schweizer Alpen hängt.

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