Die letzten Wahlen

Auch zwei Tage nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern kochen die Diskussion und Emotionen noch hoch. Deutschland hat Extremisten gewählt und ist dem Untergang geweiht. Auf der einen Seite die linken Antisemiten in Berlin, an der Ostseeküste und vor zwei Wochen in Sachsen-Anhalt die braunen Rechten, die sich gerne blau anstreichen. Halleluja und heilige Mutter Gottes, wie konnte das nur passieren?
Seit der Kanzlerschaft von Angela Merkel steckt unser Land in der Sackgasse. Die Mutti der Handrauten und ihre treuen Gefolgsleute von links und rechts der Mitte waren über viele Jahre der Meinung »Wir schaffen das« – und zwar auch ohne wirklich etwas zu tun. Einfach abwarten, kommt Zeit, kommt Lösung von selbst. Wir sind ein reiches Land – was soll uns schon passieren?
Angela Merkel und ihre diversen Regierungsmannschaften haben in ihrer Passivität Entwicklungen verschlafen, die uns heute auf die Füße fallen. Glattbügeln und Mainstreamen, das war die Devise. In der Mitte sind alle gleich, in der Mitte geht es allen gut. Und wer auf die irrwitzige Idee kam, mal etwas Neues auszuprobieren, wurde belächelt und gescholten. Wenn das jeder Mensch so machen würde – was da alles passieren kann…
Nun ist es also passiert: Die Menschen haben sich von der langweiligen Mitte abgewandt und suchen die Extreme. So jedenfalls ist überall zu hören und zu lesen. Es steht gleich dort, wo nun vor Massenenteignung und Antisemitismus gewarnt und darüber diskutiert wird, ob die Brandmauer nach rechts nun ein Fehler war oder nicht.

Was die meisten Menschen dabei nicht begriffen haben: Die Leute haben größtenteils ihr Kreuz nicht aus Überzeugung ganz links oder ganz rechts gemacht, sondern weil ihnen schlichtweg nicht anderes übrig blieb. Die Parteien, die in den letzten vierzig Jahren in Deutschland stets in der politischen Verantwortung standen, haben ganz einfach versagt. Egal, ob CDU, SPD, die Grünen oder auch die FDP – die Versprechen waren immer groß, doch das, was bei den Leuten an spürbaren Verbesserungen ankam, war nicht messbar. Im Gegenteil: Die Reichen wurden noch reicher, flogen nun mit ihren privaten Raketen sogar bis ins All oder kauften sich irgendwelche Kurznachrichtendienste, um ihre kruden politischen Ansichten noch weiter zu verbreiten. Hinzu kamen menschengemachte und nicht menschengemachte Krisen. Der russische Grosszar überschätzt die eigenen Streitkräfte maßlos und marschiert mal eben im Nachbarland ein, Donald Trump fängt einen Krieg nach dem Anderen an und erwartet dafür noch den Friedensnobelpreis. Corona legt unser Land lahm, weil die Politiker plötzlich handeln müssen und dabei hoffnungslos überfordert sind.
Und als sei all das noch nicht genug, leistet sich Deutschland dann auch noch zwei Kanzler, die vom ersten Tag ihrer Amtszeit im Grunde schon Lame Ducks sind, weil sie sich in den schwierigen politischen Konstellationen durch fast unzumutbare Kompromisse schlängeln müssen. Kommt dann noch hinzu, dass der Eine lieber schweigt und gar nicht kommuniziert und der Andere mit jedem Wort wie der Elefant im Porzellanladen um sich schlägt, bleibt am Ende eben nichts außer zerscheppertes Geschirr.
Die Menschen sind die Kompromisse der Mitte leid. Sie bedeuten Stillstand oder im schlimmsten Fall den Verlust des eigenen Wohlstandes. Im Angesicht der vielen weltweiten Krisen steigt die Angst vor der Zukunft und eine solche Angst war noch nie ein guter Begleiter der Politik. Vor knapp hundert Jahren hat diese Angst unser Land schon einmal ins Verberben geführt.
Wonach sich die Menschen sehnen, sind Ideen. Nicht das Verharren im Mainstream, nicht die Angst des Kaninchens vor der AfD-Schlange, sondern Taten, mutige Entscheidungen und vielleicht auch die ein oder andere Hoffnung auf Dinge, die am Ende nicht umgesetzt werden können. Wir brauchen eine Menschlichkeit, die den menschenverachtenden Rechten gegenübertritt. Wir brauchen die Hoffnung auf günstigere Mieten, auf eine gerechtere Verteilung der noch immer vorhandenen Reichtümer. Wir brauchen wieder Menschen, die sich um Menschen kümmern, ohne sich selbst dabei aufgeben zu müssen. Wir müssen den Sozialstaat stärken statt ihn zu zerstören. Wir brauchen Bildung, Bildung, Bildung!
Was wir nicht brauchen, sind erhobene Zeigefinger ehe es überhaupt los geht. Denn natürlich geht Antisemitismus gar nicht – egal, von welcher Seite. Und natürlich ist Enteignung ein Schlagwort, das den Miethaien das Blut in den Adern gefrieren lässt. Doch auch die Linke wird in Berlin auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen sein. Auch Elif Eralp wird lernen müssen, Kompromisse einzugehen und in der Beratung mit ihren Koalitionspartner vielleicht Lösungen zu finden, die dem Wohnungsmarkt wirklich in alle Richtungen helfen.
Sich jetzt hinzustellen und Berlin bereits zum Sodom und Gomorrha der Neuzeit abzustempeln, ist kontraproduktiv und hilft weder unserer Stadt, noch unserem Land. CDU, SPD und die Grünen hatten viele Jahre Zeit, Lösungen zu finden und haben versagt. Vielleicht auch deshalb, weil sie den Kern der nötigen Umverteilungen nie begriffen haben. Hoffen wir, dass nun zumindest zwei dieser Parteien den eigenen Blickwinkel endlich mal erweitern und den Mut aufbringen, die Dinge vielleicht auch mal unkonventionell und ohne vorgefertigte Meinung anzugehen.
Und ja, von mir aus: Es gibt bei den Linken ganz schlimme Leute mit ordentlich Dreck am Stecken. Doch mal ehrlich: Gibt es in Deutschland noch eine Partei, die ausschließlich aus Engeln besteht, die sich in ihrem Leben nie etwas haben zu schulden kommen lassen? Die Antwort ergibt sich aus der Notwendigkeit, das endlich etwas geschehen muss. Der Worte sind genug gewechselt, lasset endlich Taten folgen! Auf dass wir Deutschen und alle Menschen, die hier leben, zeigen, dass wir aus den Fehlern vor hundert Jahren gelernt haben und es besser können. Auf dass wir der ganzen Welt zeigen, was für ein offenes und Freiheit liebendes Land wir sind!
