Im Nordwesten Englands: Middlesbrough

Die nordenglische Großstadt Middlesbrough steht in den Reiseführern über die Insel mit Sicherheit nicht sehr weit oben im Ranking. Seit heute weiß ich nun auch, warum. Trotzdem muss man sich ab und an eben auch ein wenig jenseits der Touristenpfade seinen Weg suchen, um ein Land zumindest annähernd in Gänze kennenzulernen. Es soll mir ja auch niemand kommen und sagen, er habe in Deutschland alles gesehen, dann aber zugeben müssen, dass er oder sie noch nie Gelsenkirchen oder Duisburg gewesen ist.


Ähnlich verhält es sich mit Middlesbrough. Die Stadt mit etwa 140.000 Einwohner ist bestimmt keine Schönheit, zeigt das englische Leben aber mit Sicherheit besser als jeder Touristen-Hotspot. Der Grund, warum ich überhaupt auf Middlesbrough gekommen bin, liegt natürlich mal wieder im Fußball. Der mein geliebter 1.FC Nürnberg im Jahre 2007 völlig überraschend den DFB-Pokal gewonnen hat, habe ich damals im Frankenstüble in Berlin einen britischen Fußballfan aus Middlesbrough kennengelernt. Seinen Namen habe ich längst vergessen, doch ich kann mich erinnern, wie bemüht ich war, ihm zu erklären, was dieser Pokalsieg damals für die geschundene Seele eines jeden FCN-Fans bedeutete. Er hört mir aufmerksam zu und meinte dann irgendwann: »Du brauchst gar nicht weiter zu erklären. Ich bin Fan vom Middlesbrough F.C. Unseren Verein gibt es seit 1876 und wir haben 2004 unseren ersten Titel gewonnen. Letztes Jahr standen wir im UEFA-Cup-Finale – mehr geht mit diesem Verein nicht.« Und tatsächlich sollte der Mann recht behalten. Ähnlich wie der 1.FC Nürnberg kickt nämlich auch der FC Middlesbrough mittlerweile seit einigen Jahren wieder in der Zweitklassigkeit.
Nun, Zweitklassigkeit ist dann eben auch das Stichwort in Sachen Stadtschönheit bei Middlesbrough. Dominiert wird das Zentrum von der Einkaufsstraße. Hier gibt es zwar alles, was das Herz begehrt, doch auch der viele Leerstand fällt auf. Das Centre Northeast war einst der ganze Stolz der Stadt. Mit knapp über 70 Metern ist das ehemalige Bürohochhaus noch heute das höchste Gebäude Nordwestenglands. Doch das Hochhaus mitten in der Innenstadt steht leer und verkommt.


Die einzigen historischen Gebäude, die Middlesbrough noch etwas hermachen, sind das Town House und das daneben liegende Empire Variety. Ansonsten regiert eher der Mix aus alt und neu, wobei neu eher so vor 30 bis 40 Jahren war und seitdem auch nicht mehr großartig gepflegt oder renoviert wurde.
Geschieht kein Wunder wird Middlesbrough auch in absehbarer Zeit nicht unbedingt zum Touristen-Magnet werden. Ein kurzer Blick – z.B. auf der Durchreise – lohnt dennoch, wenn man einen Blick auf den Alltag in England werfen möchte.
Wer in Middlesbrough dann fertig ist (die Innenstadt ist in etwas mehr als zwei Stunden abgelaufen), kann sich dann über den Tees bewegen und nach Stockton fahren. Auch die 80.000 Einwohner-Stadt ist bei Weitem kein »Must-See«. Doch auch hier versuchen die Menschen in ihrem Alltag nur über die Runden zu kommen und im Stadtbild sieht man zumindest vereinzelte Bemühungen, es sich schön zu machen. Wenn man dann jedoch sieht, dass der städtische Park vor allem aus Betonplatten besteht, zwischen die man vereinzelte Blumenbeete angelegt hat, muss man dann schon sagen: Es blieb bei den Bemühungen. Dennoch findet man in Stockton noch vereinzelt schöne Straßenzüge, in denen dann vor allem die gut besuchten Pubs auffallen.


Zum Abschluss noch ein Wort zu den Fahrradwegen hier in England. Ja, es gibt sie. Doch sie sind holprig und löchrig (wie übrigens fast alle Straßen) und vor allem werden sie an jeder Straßenecke durch Ampeln unterbrochen. Autos haben in England definitiv Vorfahrt und so steht man alle 200-300 Meter und wartet keine unwesentliche Zeit auf Grün. Mitunter funktioniert die Ampel aber auch gar nicht, so dass man sich den Weg über die sechsspurige Verkehrsader dann eben selbst suchen muss.
Auch die Beschilderung der Fahrradwege ist gewöhnungsbedürftig. Sie hört nämlich mitunter einfach irgendwo mitten in irgendwelchen Wohngebieten auf. Da heißt es dann: Folge der Straße (auf die richtige Straßenseite achten!) und irgendwann kommt auch wieder ein Wegweiser.
Stellt sich am Ende dann die Frage: Gibt es in England so wenig Fahrradfahrer, weil die Fahrradwege so schlecht sind – oder sind die Fahrradwege so schlecht, weil es so wenig Fahrradfahrer gibt?
Übrigens nicht ganz unwichtig zu meiner heutigen Tour: Es gibt einen infrastrukturellen Zukunftsplan die beiden Städte Middlesbrough und Stockten in den nächsten 20 Jahren zu einer Stadt auf beiden Ufern des Tees werden zu lassen. Entsprechende Bauvorhaben werden bereits umgesetzt.
























