{"id":18,"date":"2023-06-01T18:51:57","date_gmt":"2023-06-01T16:51:57","guid":{"rendered":"http:\/\/melodieundwahnsinn.de\/?p=18"},"modified":"2024-08-18T01:56:12","modified_gmt":"2024-08-17T23:56:12","slug":"tiefste-trauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/?p=18","title":{"rendered":"Tiefste Trauer"},"content":{"rendered":"\n<p>Marie war sieben Jahre alt, als sie mit ihrer besten Freundin Julia und ihrem Bruder Valentin auf dem Nach-Hause-Weg von der Schule war. Sie standen an einer Stra\u00dfenecke und wollten sich gerade voneinander verabschieden. F\u00fcr den sp\u00e4ten Nachmittag hatte man sich noch einmal verabredet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Kinder noch an der Ecke standen, verlor ein Autofahrer, der sich trotz 1,9 Promille Blutalkoholwert ans Steuer seines Fahrzeuges gesetzt hatte, die Kontrolle \u00fcber seinen Wagen. Der Fahrer war ein guter Bekannter von Maries und Valentins Eltern. Das Auto schoss auf den Gehweg und riss Marie und Julia mit. Valentin blieb wie durch ein Wunder zumindest k\u00f6rperlich unverletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Julia verstarb noch am fr\u00fchen Abend im Krankenhaus an diesem vermaledeiten Tag, zwei Wochen vor Weihnachten im Jahr 1996. Marie hingegen k\u00e4mpfte sich ins Leben zur\u00fcck. Drei Monate lag sie im Koma, unz\u00e4hlige Operationen retteten ihr Leben. Ihre Wirbels\u00e4ule war gleich zwei Mal gebrochen \u2013 einmal auf H\u00f6he des neunten, einmal auf H\u00f6he des zweiten Brustwirbels.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Marie hatte einen unb\u00e4ndigen Lebenswillen, gew\u00f6hnte sich an das Leben im Rollstuhl und an die Tatsache, dass sie ihren eigenen K\u00f6rper unterhalb der Schulterbl\u00e4tter nicht mehr sp\u00fcrte. Sie kehrte an ihre alte Schule zur\u00fcck, lernte dort eine neue Mitsch\u00fclerin kennen. Alina sollte zeitlebens ihre beste Freundin bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie machte Abitur, studierte Jura und fand ihre berufliche Erf\u00fcllung in der freien Wirtschaft. Sie war eine starke Frau, die ihren Freund liebte, ihre Arbeit, ihre Familie und den Sport. Wenn es ihr mal nicht so gut ging, fuhr sie allein mit dem Handbike ihre Runden. So konnte sie am besten nachdenken und Frust abbauen. Und sie spielte Rollstuhltennis und liebte es, gegen einen ihrer drei Br\u00fcder zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Familie bedeutete Marie alles. Sie selbst war das Nesth\u00e4kchen und stolze Tante von insgesamt sieben Nichten und Neffen. Der j\u00fcngste Neffe wurde gerade erst im M\u00e4rz 2023 geboren. Marie platzte vor Stolz.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen eigenen Kinderwunsch hatte Marie nicht und legte Wert darauf, dass dies nichts mit ihrer Behinderung zu tun hatte. Sie h\u00e4tte Kinder kriegen k\u00f6nnen, versp\u00fcrte jedoch nie den Wunsch danach. Ihre langj\u00e4hrige Beziehung ging dar\u00fcber im Jahr 2019 in die Br\u00fcche. Man trennte sich im Guten und trotzdem brauchte Marie eine Zeit, um sich wieder auf eine Beziehung einlassen zu k\u00f6nnen. Gerade als sie selbst so weit war, legte eine Pandemie unser Land lahm. Eine Pandemie, die f\u00fcr Marie als Risikopatientin Lebensgefahr bedeutete und f\u00fcr andere schon eine Qual war, weil sie Maske tragen mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst 2021 fing Marie sich das Virus trotz aller Vorsichtsma\u00dfnahmen ein. Marie musste beatmet werden, fiel erneut monatelang ins Koma. Zwei Mal rief das Krankenhaus in dieser Zeit bei ihr zu Hause an und lud die Familie zur Verabschiedung auf die Intensivstation.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das K\u00e4mpferherz in Marie schaffte es auch dieses Mal. Im Mai 2022 konnte sie die Klinik verlassen, litt aber noch monatelang unter den Folgen der COVID-Infektion. Als sie sich gerade halbwegs ins Leben zur\u00fcck gefunden hatte, musste sie kurz vor Weihnachten 2022 wieder ins Krankenhaus. Eine Nierenbeckenentz\u00fcndung sorgte f\u00fcr hohes Fieber. Eine Erkrankung, die normalerweise sehr schmerzhaft ist und dadurch fr\u00fch erkannt wird, die Marie aufgrund ihrer Behinderung jedoch nicht sp\u00fcren konnte. Es folgten zwei Wochen Krankenhaus, das zweite Weihnachten nacheinander nicht zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten beiden Wochen des neuen Jahres war Marie wieder zu Hause. Am 9. Januar 2023 ging sie erstmals nach ihrer COVID-Infektion wieder arbeiten. Sie war sehr gl\u00fccklich dar\u00fcber, durfte sich jedoch nicht lange freuen. Am Freitag, den 13. Januar 2023 ging es wieder ins Krankenhaus. Eine Re-Infektion des Nierenbeckens sorgte wieder f\u00fcr hohes Fieber und daf\u00fcr, dass eine ihrer beiden Nieren die Arbeit einstellte. Als Folge der Infektionen durch Corona und des Nierenbeckens stellte sich bei Marie ein Muskel-Fatique-Syndrom ein. Sie verlor die F\u00e4higkeit ihre Arme zu bewegen. Es blieben nur die Funktionen in den H\u00e4nden. Zum zweiten Mal war Marie gezwungen, ihr Leben umzustellen. Sie w\u00fcrde nun eine Assistenz rund um die Uhr ben\u00f6tigen, weil sie bis auf wenige T\u00e4tigkeiten nichts mehr selbst machen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die Infektion in den Nieren \u00fcberstanden war, folgte eine Rehabilitation, die von weiteren R\u00fcckschl\u00e4gen jedoch immer wieder unterbrochen wurde. Eine Blasendruckmessung f\u00fchrte zu verst\u00e4rkten autonomen Dysreflexien, eine Mandelentz\u00fcndung, eine Streptokokken-Infektion, eine Lungenentz\u00fcndung verhinderten weitere Fortschritte, sodass die Rehabilitation Anfang Mai zun\u00e4chst unterbrochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Marie kehrte nach Hause zur\u00fcck und sollte sich dort zun\u00e4chst von den Strapazen des inzwischen dreieinhalbmonatigen Krankenhausaufenthaltes erholen. Sie war sehr froh dar\u00fcber und gl\u00fccklich, wieder zu Hause zu sein. Die Rehabilitation sollte in der zweiten Jahresh\u00e4lfte fortgef\u00fchrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach nur einer Woche zu Hause kam das Fieber wieder, es ging zur\u00fcck ins Krankenhaus. Eine erneute Infektion sorgte daf\u00fcr, dass sich das Fatique-Syndrom weiter ausbreitete und Marie auch die Funktion in den H\u00e4nden verlor. Die Werte ihrer noch arbeitenden Niere verschlechterten sich zunehmend. Sie kam auf die Transplantationsliste f\u00fcr ein Spenderorgan. Eine Druckstelle an der H\u00fcfte machte ihr zus\u00e4tzlich zu schaffen, so dass sie in dieser Zeit sehr viel schlief und meist nur f\u00fcr zwei bis drei Stunden am Tag wach war.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen wenigen Stunden telefonierte ich jeden Tag mit ihr. Ihre Stimme klang schwach, sie hatte Schwierigkeiten in der zeitlichen Orientierung. Oft wusste sie nicht, welcher Wochentag war und ob es morgens oder abends war. Viele Dinge erz\u00e4hlte sie doppelt, weil sie nicht wusste, ob sie sie schon erz\u00e4hlt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Marie im Dezember 2022 kennengelernt. Sie war nach der Nierenbeckeninfektion aus dem Krankenhaus entlassen worden und voller Tatendrang. Es dauerte nur wenige Tage bis aus dem ersten Kennenlernen eine tiefe gegenseitige Zuneigung wurde. Wer Marie kannte, musste sie einfach lieben. In den ersten beiden Januarwochen machten wir Pl\u00e4ne, buchten Hotels, verabredeten uns f\u00fcr die kommenden Wochenenden, f\u00fcr Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten. Es sollte nach N\u00fcrnberg zum Fu\u00dfball gehen, in den Europapark und ans Meer, unserer gemeinsamen gro\u00dfen Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Am heutigen Donnerstag h\u00e4tte Marie ihren Geburtstag gefeiert. Sie hat es dieses Mal nicht geschafft. In der Nacht von Montag auf Dienstag ist sie verstorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine tief traurige Geschichte. Marie wurde nur 33 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-18","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lebenslinien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/21"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/melodieundwahnsinn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}